Kastell

Das Mediascher Kirchenkastell ist das einzige seiner Art in ganz Siebenbürgen.


Als dauerhaft bewohnte Wehranlage, beherbergt das Kastell nämlich nicht nur die berühmte Margarethenkirche mit ihren Schätzen, sondern auch weitere Gebäude - wie z. B. das Pfarramt und das Dekanat, das Pfarrhaus und Pfarrwohnungen, die Deutsche Schule (Hermann-Oberth-Schule), das Geburtshaus von Stephan Ludwig Roth, den Diakonieverein u. a.


Mit dem Bau von Kirchenburgen wurde in Siebenbürgen im 15. Jahrhundert begonnen - als Schutzmaßnahme gegen Türken- und Tatareneinfälle.

Der Bau der Mediascher evangelischen Kirche wurde noch vor der Reformation, im Jahre 1488, vollendet.

Im Jahre 1572 wurde hier die Reformation von der Synode der siebenbürgisch-sächsischen Pfarrer angenommen.


 


DAS MEDIASCHER KIRCHENKASTELL


A. DAS KIRCHENKASTELL
B. DIE MARGARETHENKIRCHE
C. DER TROMPETERTURM


A. DAS KIRCHENKASTELL

Von welcher Seite auch immer man sich der Stadt Mediasch nähert, immer wird das Stadtbild von den Bauten des Kastells um den geneigten Trompeterturm, dominiert. Wenn auch der größte Teil des äußeren Mauerrings, einige Türme und Basteien, bürgerlichen Neubauten weichen mussten, so ist das Kastell mit seinen konzentrischen Mauerringen, den fünf Verteidigungstürmen, der mächtigen Margarethenkirche und dem Trompeterturm die stärkste erhaltene siebenbürgisch-sächsische Stadtkirchenburg.

Es war kein Wunder, dass gerade Mediasch seine Kirche früh durch Mauern schützte. Um das Jahr 1400 besaßen die Siebenbürger Sachsen eine katholische Eigenkirche zu der auch die vielen Siedlungen der sächsischen Hörigengemeinden des Komitatsbodens gehörten. Die ersten Türkeneinfälle, die Plünderungen in den Jahren 1435 und 1438 zwangen zu neuen Schutzmaßnahmen. In diesen Jahren wurde der dritte Kirchenbau, die heutige Margarethenkirche fertiggestellt. 1447 wird sie zum erstenmal erwähnt und 1450 wird auch ein Burghauptmann, Castellan von Mediasch genannt.

Anfang des 15. Jahrhunderts hatte der ovale Mauerring um die Kirche schon fünf, aus Feldsteinen gemauerte Türme. Noch vor 1500 baute man einen zweiten Mauerring um die Burg mit Torturm und Basteien im Norden und im Süden. Das Rathaus und das Pfarrhaus wurden zwischen diese Mauern gebaut. In dieser schweren Zeit vollzog sich die Reformation in Siebenbürgen. Obwohl die Reformation von Kronstadt und Hermannstadt ausging, traf man sich im geographischen Mittelpunkt des Sachsenlandes, also in Mediasch. Im Jahre 1572 wurde der Pfarrer von Birthälm in Mediasch zum dritten Sachsenbischof gewählt und so blieb dieses Amt fast 300 Jahre an Birthälm gebunden. Der Stadtpfarrer von Mediasch wurde Generaldechant, Bischofstellvertreter und Finanzverwalter der jungen evangelischen Landeskirche, stand also mit an der Spitze der geistlichen Universität der Sachsen.

Zu den kirchlichen Versammlungen kamen häufig Landtage hinzu, die der Siebenbürgische Fürst nach Mediasch in die große Margarethenkirche einberief. Nach 1477 begann die Erbauung der Stadtbefestigung, die Mediasch zur Stadt und gleichzeitig zum Sitz des Königsrichters, zum Vorort der "Zwei Stühle" machen sollte.


B. DIE MARGARETHENKIRCHE, heute evangelische Stadtpfarrkirche Mediasch.

Wie archäologische Grabungen der letzten Zeit ergeben haben, ist die Stadtpfarrkirche der dritte Sakralbau an dieser Stelle. Am Ende des 13. Jahrhunderts stand hier eine frühgotische Basilika mit drei kurzen Schiffen und einem Westturm. 50 Jahre später musste dieses Gotteshaus vergrößert werden, ein neuer Chor mit Sakristei wurde östlich angebaut.
In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde zwischen Turm und Sakristei ein nördliches Seitenschiff angebaut, das vom alten Saal durch Pfeiler und gotische Bogen getrennt war. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts -1488 - wurde der jetzige Chor mit Sakristei fertig gestellt, das neue südliche Seitenschiff errichtet. Die Margarethenkirche ist in ihrer heutigen Gestalt ein spätgotischer, dreischiffiger Hallenbau mit äußerer Länge von 56 m und einer äußeren Breite von 20 m. Im Inneren ist das Gewölbe 12 m hoch.

Die zweiteiligen Fenster des Nordschiffes, der Sakristei und des Chores sind hochgotisch, die dreiteiligen Fenster des Südschiffes haben "flamboyantes" Maßwerk der Spätgotik. Im Inneren der Kirche beeindrucken die gotischen Gewölbe mit Schlußsteinen mit segnender Hand und einer Weintraube. Die Rippen des Netzgewölbes im Chor tragen an ihren Schnittpunkten Schilde mit Christus, Maria mit dem Kind, Evangelisten, 12 Apostel und vier Kirchenväter sowie Inschriftenbänder aus dem 15. Jahrhundert.

Die Kircheninnenwände waren bis zur Reformation mit Fresken bedeckt, die zur Zeit der Bilderstürme und später übertüncht worden sind. In den 70-er Jahren wurden diese Fresken zum großen Teil wieder freigelegt und konserviert. Sie zieren das nördliche Seitenschiff und die Nordwand des Mittelschiffes. Im Jahre 1680 baute die Schusterzunft eine Empore hinter der Kanzel, im südlichen Seitenschiff, die Kesslerzunft eine im Nordschiff.

Nach der schicksalhaften Schlacht und dem Sieg über die Türken auf dem Brodfeld (1479), waren Dankbarkeit und Schuldgefühl, Freude und Opferbereitschaft so groß, daß die Mediascher darangingen ihrer Kirche einen neuen, prächtigeren, würdigeren Altar zu errichten. Zwischen den Jahren 1480 und 1490 wurde der spätgotische Flügelaltar, das wertvollste Schmuckstück der Inneneinrichtung der Kirche, erstellt. Er wurde 1972/73 von Gisela Richter restauriert und leuchtet wieder in alter Pracht.
Die acht Tafeln der beweglichen und festen Altarflügel behandeln Szenen aus der Passion Christi und sind in Anlehnung an den Wiener Schottenaltar entstanden. Auf der Tafel der Kreuzigungsszene ist im Hintergrund eine Ansicht von Wien dargestellt, die zeigt, daß der Altar von einem Meister der Wiener Schottenstiftschule geschaffen worden ist; die dargestellte Landschaft im Hintergrund sind die Kokelberge, so daß der Meister hier gearbeitet haben muß.

Vor dem Altar steht ein bronzenes Taufbecken mit figuralen Pflanzenornamenten und Spruchbändern mit gotischen Buchstaben. Es besteht aus zwei Teilen, einem konusförmigem, geschwungenen Ständer und einem weit geöffneten Kelch. Es wurde im 13. Jahrhundert gegossen und stammt noch aus der Vorgängerkirche. Es ist das älteste Stück der Kirchenausstattung.

An einem Pfeiler des südlichen Seitenschiffes befindet sich, in der Mitte des Kirchenraumes, die gotische Steinkanzel. Sie wird von einem barocken Schalldeckel, des Mediascher Holzschnitzers Sigismund Moess im Jahre 1679 gekrönt.
Auf der Westempore wurde schon 1621 die alte Orgel ersetzt, diese wieder um 1732 durch eine neuere. Im Jahre 1753-1755 wurde die heutige Orgel aufgestellt. Sie verfügt über zwei Manuale und ein Pedal, hat 24 klingende Register mit mehr als 1300 Pfeifen. Sie ist barock verziert und hat eine besonders gefällige Klangfarbe. Die letzte Renovierung erfolgte 2005.

Die Mediascher Stadtpfarrkirche besitzt auch eine Sammlung kostbarer anatolischer Knüpfteppiche, zum Teil von vor 1600 und ist nach Kronstadt und Schäßburg die drittgrößte im Kirchenbesitz.
Der Kirchenschatz der Mediascher Stadtpfarrkirche besteht aus wertvollen vergoldeten und silbernen Kelchen, Kannen, Patenen u.a., die meisten Schenkungen aus dem 17. Jahrhundert.



C. DER TROMPETERTURM - Der schiefe Turm der Margarethenkirche

Der Kirchturm der Stadtpfarrkirche - der Trompeterturm - ist das eindruckvollste Wahrzeichen der Stadt, nicht nur weil er das höchste Gebäude des Ortes ist, sondern auch Dank seiner berühmten Schieflage. Der untere Teil stammt aus dem 13. Jahrhundert. Im 15. Jahrhundert wurde er auf fünf Stockwerke erhöht und war im Jahre 1488, zugleich mit der Margarethenkirche fertiggestellt worden. In der Zeit des diplomatischen Wettstreites um die Erlangung der Stadtrechte, wurde der Turm im Jahre 1550, innerhalb von nur 2 Monaten, um drei, auf acht Stockwerke gehoben, bekam seinen spitzen, mit verglasten Ziegeln gedeckten Turmhelm sowie die vier markanten Ecktürmchen als Zeichen dafür, dass die Stadt die Hochgerichtsbarkeit besaß.

Hier oben hatte der Stadttrompeter seinen Wachposten bezogen. Die Trompete heißt sächsisch "de Tramit". Deshalb heißt der Turm im Volksmund "Tramiterturm". Unter den Ecktürmchen sind die Zifferblätter der Turmuhren aufgemalt, die langen Uhrzeiger wurden von einem großen mechanischen Uhrwerk angetrieben, das der "Stundensteller" oder Campanator instand hielt.
Heute wird das Uhrwerk elektrisch betrieben.

An der Südostecke des Turmes, zwischen den Uhren, steht das hölzerne "Stundenmännlein", das mit ausgestrecktem Arm das Glöckchen zog, das den folgenden Stundenschlag ankündigte, der "Turepitz". Diese stark verwitterte Holzfigur wurde Anfang des Jahrhunderts abgenommen und in das Heimatmuseum gestellt. An ihre Stelle kam die Holzfigur eines sich auf sein Schwert stützenden Rolands. Aber auch diese Figur verwitterte sehr stark unter dem Einfluss des sauren Regens und wurde 1984 wieder durch einen "Pitz" ersetzt. Kurtfritz Handel hat ihn aus Holz geschnitzt, ein Handwerksbursche, der mit der Hand wieder das Vorglöckchen des Stundenschlags zieht.
Im Jahre 1815 wurde, nach wiederholten Blitzeinschlägen, der Blitzableiter, sowie der neue vergoldete Turmknopf montiert und aufgesetzt.

Da der Druck des 68,5 m hohen Turmes auf dem Sandboden zu groß wurde, neigte er sich langsam nach Norden zu. In den Jahren 1927/30 wurde unter Leitung des Stadtingenieurs Karl Römer der Turm konsolidiert und die weitere Neigung aufgehalten. Im Jahre 1972 mussten erneut Sicherungsmaßnahmen durchgeführt werden. Die Neigung des Turmes ist heute bei einer Abweichung der Turmspitze um 2,32 m von der Senkrechten stabilisiert.


Quelle:
Gustav Servatius: „Das Mediascher "Kastell", die Stadtkirchenburg, in: „Mediasch. Die siebenbürgisch-sächsische Stadt an der großen Kokel“, Thaur bei Innsbruck, Wort und Welt Verlag, 1992.